Review: Tim Taylor – Der Mensch und die Anderen

Artikel twittern! Tags: , ,

Ich freue mich immer, wenn ich Musik zu hören bekomme, von Leuten, die ich noch gar nicht kannte oder von denen ich noch nichts gehört habe. Besonders schön ist es, wenn diese Musik mir dann auch noch gut gefällt. So geschehen beim folgenden Album von Tim Taylor. Tim schrieb mich am Montag an und schickte mir diverse Links zu Videos, einem Interview sowie Pressematerial. Nun interessiert mich Pressematerial immer nicht so wahnsinnig, denn nach 4 Jahren als Abonnent eines HipHop-Magazins habe ich das Gefühl, dass die Selbstbeschreibungen der normalen deutschen Rap-Platte immer gleich aussieht: “Ich und meine Jungs wir bringen den echten Scheiß. Wir wollen HipHop retten. Wir sind anders als alle anderen. Uns geht es um die Musik und nicht ums Geld.” Ich hoffe tim möge mir verzeihen, wenn ich entsprechend zwar die Videos geschaut habe, in das Pressezeug aber nicht reingelesen habe, sondern lieber das Album für sich habe sprechen lassen.

Casselrap Tim Taylor

1. Freundliche Begrüßung (2:01)

Hämmert ganz schön gut los. Sanfte Töne klingen anders. Der Beat geht enorm gut nach vorne. Inhaltlicher ein fast typischer Intro-Track. Ein kleiner Rundumschlag und eine Portion Selbstinszenierung. Jedoch blitzen immer mal wieder einzelne Formulierungen durch, die deutlich machen, dass es im folgenden etwas ernster zur Sache gehen wird. Musikalisch wie textlich also ein vielversprechender Vorgeschmack auf das, was da noch kommen mag.

2. Ausgangspunkt (3:43)

Klingt düster. Lediglich eine hohe, dennoch dezent wirkende Flöte oder etwas ähnliches gibt etwas hellen Glanz. Ansonsten scheint lediglich geballte Textkraft. Schon die Einleitung im Nachrichtenstil verkündet, dass es nun dunkler wird. Es folgt ein “Sonderbericht angesichts der ernsten Lage, in der sich der scheiß Planet befindet”. Keiner sei bereit zu teilen, aber jeder wolle Aufmerksamkeit. Es werden dicke Mauern gebaut um alles was lebt. Dennoch klingt der Rap alles andere als resigniert, sondern kraftvoll und energiegeladen und weckt eher den Eindruck, dass da jemand den Kampf gegen diese Missstände gerade erst aufnehmen will. Und weil diese in aller Ausführlichkeit angeprangert werden, bleibt auch kein Platz für Schmuckwerk wie Refrain oder ähnliches. Funktioniert trotzdem astrein.

3. Mein Wort (3:24)

Technoid klingende Synthies über Donnergrollen. Was für eine Einleitung. Tim Taylor gibt uns sein Wort. Der Beat treibt wie Hölle, dank unermüdlich tickender HiHats und gekonnt gesetzter Percussionelemente. Wieder pure Energie. Ich bin gespannt, ob er das über das gesamte Album so durchzieht. Dann würde ich das Ganze zu gerne mal live erleben. Textlich wird wieder einiges angeklagt. Die Wände voller Wahlplakate, aber Graffiti ist verboten? Diese Stimme erklingt für alle, deren Tränen geflossen sind. Und sie spricht mit Nachdruck. Schöner Song.

4. Pirat (4:17)

Die Streicher kommen wie eine düstere Vorwarnung daher. Zum Titel passend einige Wortspiele rund ums Thema Seeräuber. Und gespickt mit einigen bemerkenswerten Aussagen. “Ich bin arm und doch gesegnet.” Ich hätte nie gedacht, so etwas mal in einem HipHop Song zu hören. Es sind diese Momente, die das Album irgendwie besonders erscheinen lassen und trotz des düsteren Klangs sympatisch machen. Endlich jemand ,der mir nicht von seiner neuen Kette erzählt. Und wenn dann einer sagt, er saufe den billigsten Fusel, und hätte schon seiner Mama gesagt, er werde Pirat, dann hat das einfach Charme. Finde ich zumindest. Denn es gibt so manche ehrliche und durchdachte Zeile in diesem Stück.

5. Zerbrochene Spiegelscheiben (3:58)

Eine bedeutungsschwere gesprochene Einleitung über Schreie und Streicher mit Piano. Dann episch anmutende Hörner. Das wirkt schonmal gewaltig. Und wieder diese kompromisslos energetische Stimme. Das wirkt auf mich irgendwie schon ziemlich fesselnd. Passend dazu eine Ode an die eigene Kraft. Tim schafft es, sobald ein Lichtblick durch die Dunkelheit kommt und kämpft unentwegt gegen seine Ängste. Fortwährend spielt er mit Aktionen wie Fliegen, Rennen und ähnlichem, nur um in deutlichen Bildern die eigene Kraft zu visualisieren. Gefällt.

6. Renaissance (2:18)

Klasse Beat. Ich habe ohnehin ein Faible für Streicher, und diese sind sehr schön in Szene gesetzt. Textlich und inhaltlich eine Art Retrospektive. Ein Abwandern der Kindheit und Jugend. Die Entwicklung Revue passieren lassen und Fehler einsehen. Da verzeihe ich auch das am Ende schon fast obligatorische “Wir bringen HipHop nach vorn”. Ausnahmsweise!

7. Das Lied eines Sommers (2:14)

“Das Fernweh ist mein Bruder und er hockt über den Wolken”? Das nenn ich mal eine klasse Bildsprache. Und wieder begleitet von Streichern. Mein Liebesbekenntnis dazu habe ich ja schonmal geäußert. Auch sonst ist der Beat gelungen. Ab und zu tickern die HiHats mal treibend, um den nächsten Abschnitt einzuleiten, und die Drums sind auch sonst schön on point. Alles in allem eine bildgewaltige Ode an DEN einen Sommer. Und jeder, der schon einmal so einen ganz besonderen Sommer erlebt hat kann bestimmt nachfühlen, was dort gemeint ist.

8. Feuer (2:35)

Ein munter vor sich hin klackerndes Schlagzeug und darüber fast schön mystisch klingende Flötenklänge. Dann im Chorus ergänzt durch Chöre. Und dann besingt Tim die Sonne. Ihre Schönheit und das Wunder, dass sie uns jeden Tag ihr Licht schenkt. Hab ich in so einer form auch noch nie gehört. Aber ich muss zugeben, ich habe es nicht gleich beim ersten Durchhören verstanden. Aber gerade sowas macht für mich den Reiz solcher Lieder aus.

9. Der Dämon und Fräulein Graf (2:21)

Der Beat wirkt eingangs direkt gemütlich. Melodische Holzbläser spenden eine gewisse Wärme. Tim erzählt von der Tristesse des Alltags einer Frau, deren Leben so geregelt zu sein scheint, dass sie ohne Uhr pünktlich sein kann. Betäubt mit TV und Kreuzworträtseln in einer Welt voll netter Nachbarn ahnt keiner, dass sie am Ende doch noch den Absprung schafft und aus der vermeintlichen Idylle ausbricht.

10. Das Wesen der Vergänglichkeit (3:40)

Sehr ruhiger Beat mit einer dezenten Gitarre. Der Rap wirkt fast befremdlich, wenn Tim ihn in seiner üblichen energetisch nach vorn gebrachten Art vorträgt. Aber das zeichnet ihn aus und macht seine Lieder eigenständig. Und dann wirkt es, als würde die Vergänglichkeit Tim einen Brief schreiben. Hört sich an wie harter Tobak, klingt aber gar nicht unbedingt so trist wie man erwarten würde.

11. Bis ans Ende dieser Welt (feat. Aodhan) (4:42)

Wieder eine Einleitung mit Donnergrollen. Dann treibende synthetische Klänge. Leider musste sich der Produzent oder DJ auch noch verewigen. Wirkt im Gesamtkontext ein wenig deplatziert. Schade eigentlich. Auch sonst ist der Song für mich definitiv kein Glanzlicht des Albums. Der Rap wirkt ständig ein wenig unpräzise und nicht so recht on point. Das nimmt ihm leider viel von seiner Wirkung und auch die Energie der anderen Stücke kann sich nicht so recht entfalten. Ich werte es mal als Halbzeitpause und hoffe auf die zweite Hälfte.

12. Goldene Tore (feat. Aodhan und Jintanino) (4:48)

Ich weiß nicht, was sie dort mit dem Klavier angestellt haben, aber es klingt wie ein altes Schifferklavier. Und dann setzt plötzlich ein hochgepitchtes Sample ein. Das ist die mit Abstand absurdeste Kombination, mit der ich jetzt gerechnet hätte. Und gerade deshalb finde ich Gefallen dran. Während ich an den Parts der Gäste nicht so recht Gefallen finden mag weiß Tim mich dieses Mal wieder zu überzeugen. Der Kelch des Leids ist nicht für alle gleich. Und vielleicht weiß auch deshalb nicht jeder gleich stilsicher darüber zu berichten.

13. Böses Erwachen (2:32)

Kein Intro, keine Einleitung. Ganz dezente instrumentale Begleitung. Präsent einzig das Schlagzeug und natürlich der Rap. Und letzterer hält was der Titel verspricht. eine bizarre Mischung aus verkatert aufwachen gepaart mit dem unguten Gefühl, in der Nacht einen Fehler begangen zu haben. Stück für Stück wird rekapituliert, was am Abend zuvor vorgefallen sein muss. Interessantes Storytelling. Die Auflösung der Geschichte werde ich hier aber nicht vorwegnehmen, denn sie war irgendwie unerwartet. Hier gibts die Videopremiere bei Mixery Raw Deluxe.

14. Soweitsogut (3:19)

Aggressiver Beat. Die Synthies klingen düster und auch die Flöte vermag nicht so recht entgegenzusteuern. Spätestens wenn die E-Gitarre einsetzt, ist sie chancenlos. Und wenn Tim dann wieder voller Kraft seinen Rap vorträgt, dann entsteht eine explosive Mischung. Inhaltlich fällt es mir jedoch schwer, den Track einzuordnen. Aber die klangliche Qualität überzeugt und so kann man auch gerne einfach mal Reime spucken. Kann man sich jedenfalls gut anhören.

15. Olla Timmy yeah yoar (2:54)

Mal was ganz anderes. Ein deutlich präsenter Bass, eher humorvoll anmutende Scratches zur Einleitung. Die Snare knallt ganz schön. Der Refrain wirkt wie musikalisches Chaos aus sich überlagerndem Gerufe. Wirkt eher wie ein Representer-Track. Hat man an sich schon viel zu oft gehört. Dieser hier schießt weder nach oben noch nach unten aus der Masse heraus. Kann man hören, ehrlich gesagt, muss man das aber nicht. Wobei es durchaus auch ganz angenehm ist, wenn die Schwere der ersten Stücke ein wenig aufgelockert wird.

16. On the Streets (3:44)

Ganz merkwürdiges Sample. Kommt jetzt der 80’s-Flashback? Geht jedenfalls gut ab. Treibt an, und Tim hält mit seinem Rap locker mit. Lediglich der zwischen Strophe und Chorus wechselnde Pitch irritiert ein wenig. Es wird wieder fleißig repräsentiert und Reime gespuckt. Das klingt auch ganz gut, weil Tim enorm druckvoll nach vorne geht. Hier geht Gepose und Musik auch deutlich passender einher als beim Vorgänger, und so macht das Spaß. Spricht halt weniger den Kopf an, sondern das, was darunter ist: den Nacken.

17. Es st wie es ist (3:49)

Streicher die klingen, wie aus dem Fernseher aus einem alten Western herausgesamplet. Dazu ein enorm langsames Drumpattern. So entsteht eine ganz eigene Klangästhetik, die unheimlich interessant wirkt. “Es” wird in vielen Facetten beschrieben. Das lässt Raum für viele Vergleiche und Wortspiele, ja sogar ein klein wenig Namedropping. Und plötzlich fühlen sich Kopf und Nacken gleichermaßen angesprochen, und ich frage mich, ob ich zum Beat nicke, oder dem Text zustimme. Vermutlich beides. Das macht für mich einen guten Song aus.

18. Der Mensch und die Anderen (4:44)

Der Titeltrack des Albums. Schöne Streicher und eher ruhige Drums, die weit genug im Hintergrund bleiben, um dem Hörer zu gestatten, sich voll auf den Inhalt zu konzentrieren. Entsprechend wird auch gleich eingangs erwähnt, dass Tim hofft, es gäbe noch Leute, die richtig hinhören. Also will ich ihm diesen Gefallen tun. Entgegen der Tendenz aus den leichteren Songs schlägt Tim auch gleich bescheidenere Töne an. Er sei nur einer von vielen. Damit sind angezweifelte Sympathiepunkte auch prompt wieder da. “Wenige Worte reichen aus, um jemand Kraft zu spenden.” Und daher scheint Tim seine eigenen mit bedacht zu wählen. Ein Track, der seines Titels würdig ist.

19. Der weite Weg zurück (3:19)

Ein fast melancholisches Piano, leise vor sich hin tickernde HiHats. Dann einleitende dankende Worte an treue Wegbegleiter. Und plötzlich merke ich erste Gänsehaut aufkommen. Nicht die erste bei diesem Album, aber die deutlichste. Wieder retrospektive Geschichten über Geschichten mit Freunden, doch hauptsächlich über die eigene Entwicklung. Wer einen weiten Weg gekommen ist muss auch einen weiten Weg zurück gehen, um Dinge zu besuchen, die man hinter sich gelassen hat. Das bietet schöne Denkanstöße, stimmig vorgetragen von Tim, der hier zwar nicht ganz so nach vorne geht wie auf anderen Stücken, aber dennoch Präsenz ausstrahlt.

20. Mein Wort (Just a 5 Minute Beat Remix) (3:23)

Das Album wird also abgeschlossen von zwei Remixes von bereits auf dem Album befindlichen Songs. In diesem Fall “Mein Wort”. Klingt gar nicht schlecht. Aber reicht nicht wirklich an das Original heran.

21. Der Mensch und die Anderen (Nodhead Remix) (4:45)

Der zweite Remix und der Abschluss des Albums. Die Streicher klingen ein wenig platt und zu sehr im Vordergrund. Auch mit dem Piano kann ich nicht so wirklich warm werden. Aber nun gut. Ein nettes Gimmick, nochmal zwei Remixes hinzuzufügen. Bei ansonsten 19 Stücken kann auch wirklich keiner meckern.

Fazit:

Ein wirklich gutes Album, das Tim Taylor da abliefert. Viele Stücke strotzen nur so vor durchdachten Metaphern und man merkt an, dass sich jemand da wirklich viele Gedanken gemacht hat. Tims markante Stimme schafft es sehr gut, diese eindringlich vorzutragen, und kommt, bis auf eine Ausnahme – sehr gut auf den Punkt. Musikalisch kann man auch nicht meckern. Meinen Geschmack hat er gut getroffen, und die Stücke funktionieren allesamt gut. Auch die leichteren Nummern haben einen entsprechenden Beat und schaffen so einen runden Eindruck. Lediglich die Leistung der Feature-Gäste lässt für meinen Geschmack ein wenig zu wünschen übrig. Aber darüber kann man bei der übrigen Qualität des Albums gerne einmal hinwegsehen.

Wer sich näher informieren möchte, der kann gerne Tims MySpace besuchen, oder sich dieses Interview bei Mixery Raw Deluxe anschauen

Review: Prinz Pi – Teenage Mutant Horror Show 2

Artikel twittern! Tags: , ,

Nachdem ich in den letzten Tagen wieder einmal einen Großeinkauf beim CD-Händler meines Vertrauens getätigt habe, wollte ich mal wieder ein kleines Review verfassen. Denn ich habe wieder Platten erstanden, bei denen ich beim Hören wieder genau weiß, warum ich nach wie vor CDs kaufe – ja richtig gelesen, ich kaufe CDs. Und da die CD in diesem Artikel, das Album “Teenage Mutant Horror Show 2″ von Prinz Pi auch noch etwas anderes zu bieten hat als nur tolle Musik – später mehr dazu – muss ich es auch einfach vorstellen.

Prinz Pi - Teenage Mutant Horror Show 2 Artwork

1. Behutsame Einführung (feat. E-Rich) (1:52)

Ich möchte fast schon sagen, ein Intro wie es nur auf einer Pi-Scheibe zu finden ist. Eine Aneinanderreihung von Aussagen wie “Magerwahn ist sexy”, “Sicherheit geht vor Freiheit” oder “Kaufen ist deine erste Bürgerpflicht” wird begleitet von einem sich steigernden Klangteppich. Es beginnt mit etwas plätscherndem Wasser, geht über zu fröhlichem Klaviergeplänkel, welches kurz darauf von einer etwas weniger fröhlichen Kirchenorgel ergänzt wird. Zum Schluss wandelt sich der Klangteppich in technische Klänge und die Aussagen werden immer dichter aneinander gereiht und überlagern sich teilweise, so dass es an eine Gehirnwäsche erinnert, wie man sie aus Filmen kennt. Ich wurde spontan an den Film “Die Insel” erinnert. Der konstante Aufbau an Spannung durch das gesamte Stück macht dem Namen des Stückes alle Ehre.

2. Meine Reise (3:29)

Der Song beginnt mit einer Zusammenfassung des Arbeitsalltags von Pi, mit Studiosessions mit Kollegen und dem ewigen Zyklus aus Studio und Konzerten. Die Geschichte wird weiter gesponnen über Platten und Equipment in seinem Besitz bis hin zu einem an Metaphern reichen Endpunkt. Die Musik ist ein schöner Klangteppich aus teil technisch anmutenden Klängen und Synthies, die jedoch alle dezent genug sind um das Storytelling im Vordergrund stehen zu lassen.

3. Illuminati (3:38)

Ein Beat, der zunächst sehr elektronisch daher kommt. Viele Synthiestreicher und ein gepitchter Sample, der sich konsequent durch das Stück zieht. Dazu pumpende Drums. Dazu eine in Reime gegossene Geschichte über die Geheimgesellschaft. Allerdings glücklicherweise sehr eigen und nicht wirklich auf die Illuminati bezogen, die man in Büchern beschrieben bekommt. Es geht um Rapper, die sich als pseudointellektuell geben und uniformierte einheitliche Hörerschaft.

4. Trümmer (3:15)

Also zunächst mal: Ein Stück das damit beginnt, dass wir angeblich auf einer mit Scheiße beschmierten Rutsche in Richtung Hölle unterwegs sind, wo uns ein wie Mario Barth aussehender Teufel mit einem XXL-Sparburger aus Menschenfleisch begrüßt ist schonmal ganz großes Tennis. Die Musik hat ein gefälliges Klavier zu bieten, warme Klänge aus dem Bereich Triangel und schöne Streicherteppiche die alles dezent untermalen. Dazu kommen Glaubensbekenntnisse, dass die Milchstraße Gottes Sperma sei, Endemol alle verdummt und das eine oder andere Weltuntergangsszenario. Außerdem die Ansage, dass Atlantis “die Stadt ist, die immer Untergrund bleibt”. Wie gesagt: Großes Tennis!

5. Höhlenmensch (4:41)

Eine leicht verträumte Musik, mit Klängen die sich irgendwo zwischen elektronisch und organisch einordnen lassen müssten. Dieses undefinierbare Klangbild passt denn aber auch sehr gut zur Musik. Der Text handelt von der Suche nach “einem Tier das sich selber vernichtet”. Eine sehr schöne Umschreibung der menschlichen Rasse und der Absurditäten, die uns so ausmachen. Erschreckend wie treffend die Beschreibung ist, aus dieser Perspektive ist manches ein wenig beängstigend. Brilliante Beobachtungen.

6. Minenfeld (3:26)

Sehr schöne Instrumentierung. Wie aus fremder Ferne tönende Klangteppiche aus dumpfen Orgeln – schätze ich zumindest mal – die in einen Traum einlullen, aus dem lediglich die Claps herausreißen. Und dazu wiedermal schönes Storytelling. Was kann man dazu noch groß sagen, außer, dass es wirklich klasse zu hören ist. Und das die Story nicht ganz so abgedreht ist wie Geschichten über Ufos und Verschwörungen. Dann gibt es Anekdoten über Enttäuschungen, und dass man trotzdem immer wieder aufsteht. In diesem Fall, mit geschnürten Dunks einfach voll ins Minenfeld rennend.

7. Engel (3:28)

Unheilverkündende Orgeln, als Percussionelement ein Ladegeräusch einer Pistole und eine Snare wie ein Schuss. Klingt so gar nicht nach Engel. Dann Aussagen wie “Nachts kommen die Satanisten, tags kommen die Messdiener, die einst die Hand von ihrem pädophilen Pater küssten”. Das ist düster und bitter. Und wenn dann die Engel verkünden, dass der Himmel voll sei ist wohl alles zuende. Apokalyptisches Storytelling auf höchstem Niveau.

8. Die große Genozid Show (feat. Basstard) (5:21)

Der Genozig verpackt als große Gameshow, eingeleitet von einem anheizenden Moderator zur allerbesten Sendezeit. Diese finstere Geschichte wird durch das gesamte Stück hinweg erzählt. Der Zuschauer wird zum Anrufen aufgefordert um zu wählen welcher Ort mit welcher Art Waffen vernichtet wird. Der Quizkandidat der richtig tippt wieviele Tote es bei diesem Anschlag gibt gewinnt die Runde. Das ist zwar makaber, aber nachdem schon Menschen beim Freitod dokumentarisch begleitet werden, und Reality-TV über fast sämtliche Abgründe der Menschheit berichtet kommt man schon ins Grübeln, wie groß der Schockfaktor wohl eines Tages noch wäre. Regt auf jeden fall zum Denken an. Die Musik ist so dezent, dass sie lediglich als minimaler Begleiter wahrgenommen wird. Ich tu mich ein wenig schwer damit, weil es mir eine Spur zu extrem ist, vor allem wenn Feature-Gast Basstard dann sehr detailliert wird.

9. Fehler (4:12)

Verträumte Klänge, die wie es aus einem Videospiel klingen. Dazu ein paar kristalline Töne und das Ganze sehr langsam vorgetragen. Vollendet wird das Stück durch feines Storytelling über Fehler. Regt ein wenig zum Nachdenken an, zumal auch hier die Geschichte wieder metaphernreich und wortgewaltig erzählt wird. Ich persönlich schwanke immer zwischen Staunen über die Wortwahl und grübeln über deren Inhalt. Schöner Song.

10. Du Hure 2009 Intro (Kissen) (3:13)

Eine verzerrte Stimme, die sich über die Tiefen einer scheiternden Beziehung auslässt. Die Liebe nimmt den Stolz. Begleitet von hämmernden Drums und einer Melodie, die vollkommen fremdartig wirkt und sich durch undefinierbare Instrumentierung vortragen lässt. Im Gesamtpaket wirkt das alles wie Fantasie aus einer fernen und absolut andersartigen (Alb-)Traumwelt.

11. Du Hure 2009 (3:59)

Die Fortsetzung eines umstrittenen, vielzitierten Stückes – seinerzeit ohne Jahreszahl dahergekommen, als gemeinsamer Song der legendären Beatfabrik. Klingt wesentlich weniger bösartig als das Original, steht diesem aber an Verzweiflung in nichts nach. Schöne Beschreibung der Gedankenwelt von jemandem, der vor den Bruchstücken seiner Beziehung steht. Kann vermutlich fast jeder nachvollziehen oder sogar nachfühlen. Auch musikalisch ist diese Neuauflage nicht so aggressiv wie sein Vorgänger, sondern kommt mit einer melancholischen Gitarre daher und auch das treibende, klatschende Drumset weicht einer gefälligen Percussion. Wäre da nicht die inhaltliche Schwere könnte man das Stück fast nebenher hören. Aber gerade dieser Kontrast macht einen gewissen Reiz aus.

12. Der Regenmacher (5:25)

Klasse Teppiche aus Orgeln und sphärischen Klängen, dezent ergänzt von elektronischen Klängen. Die rhythmische Begleitung wirkt auf eine peitschende Snare reduziert. Oben drauf kommt ein für Pi typisches Storytelling, das sehr fantasievoll daherkommt. erzeugt bei mir ein facettenreiches Kopfkino, und dafür liebe ich Songs dieser Art. Mehr muss man dazu nicht sagen.

13. Handeln (3:58)

Wieder ein Text mit einem alternativen Entwurf. Gephotoshoppte Models als Heilige. Irgendwas läuft verkehrt. Dann die Aufforderung Sprengstoff zu kaufen und die Welt so gesünder zu machen. “Hört auf zu suchen, werdet Finder.” Das klingt radikal. kommt aber gar nicht so harsch daher, wie es hier zunächst klingt. Dafür sorgt nicht zuletzt auch eine entspannte Rhythmik und die fast schon angenehm dudelige Gitarre. Könnte man also ganz entspannt hören, aber ich empfehle, lieber genau hinzuhören. Nicht, weil ich die Aufrufe unterstütze, sondern weil auch dieser Text wieder zum Nachdenken anregt über alles was falsch läuft und und worüber wir uns eigentlich auch beschweren, leider jedoch ohne irgendwas zu unternehmen.

14. Fabelhafte Welt der Anarchie (feat. Jonarama) (3:52)

Das Lied setzt ein und zunächst denkt man vermutlich “Oh, wie idyllisch”. Doch dann mischt sich zum spielerisch verträumten Klavier dieser leicht fiese Gitarrensound und kündigt an, dass das heile Bild trügt. die Musik greift also das Spiel auf, dass schon der Titel treibt. Wer sich zunächst an die fabelhafte Welt der Amelie erinnert fühl ist sicher nicht allein. Stattdessen wird ein Bild gezeichnet von einer Stadt voller Partydrogen und Bürgerkrieg. Als optisches Vorbild dient Berlin 1945. Und wieder dieses brillante Kopfkino. Schön zu hören und zu erleben.

15. 3 Minuten (3:45)

Mein erster Eindruck war, dass das Stück unheimlich hektisch daherkommt. Die getrieben tickernden HiHats tragen dazu sicher ebenso bei wie die schnell hüpfenden Begleitklänge, die wie ein dumpfer Streicher klingt. Der Rap wirkt deutlich energetischer als in den meisten anderen Stücken, auch ein wenig aggressiver. Eindringlich wird hier wieder düsteres Storytelling vorgetragen. Und vermutlich haben die 3 Minuten nicht gereicht, um alles unterzubringen, so dass es letztlich 3:45 wurden. Endet dann ein wenig abrupt mit Schüssen. Für mich persönlich ein erster kleiner Tiefpunkt, allerdings bei weitem nicht so deutlich wie man Tiefpunkte von vielen anderen Alben kennt.

16. Wir ficken die Welt (feat. Jamal) (3:55)

Die Instrumentierung kann ich überhaupt nicht zuordnen. Hat auf jeden Fall Streicher dabei und wirkt, als wäre zwischendurch mal ein Chor drin. Wirkt wie durch ein paar Effekte gejagt. Und gefällt irgendwie. Mir zumindest. Auf jeden Fall ein sehr gefälliges Hin und Her zwischen Pi und Jamal. Und dazu dann in vielen Facetten verpackt die Botschaft, das Berlin und seine Bewohner über allem stehen und man sich über die Welt lustig macht – um die Formulierung aus dem Liedtitel ein wenig zu entschärfen. Sehr angenehme Abwechslung zum Rest des Albums. Der Kopf wird ein bißchen weniger gefordert, dafür die Nackenmuskulatur.

17. Der Druck steigt (3:06)

Ein Klavier wie von weit weg. Führt direkt irgendwohin. Wohin, muss jeder für sich selbst ausmachen. Klingt jedenfalls verträumt und verlockend. Im Hintergrund eine ganz langsame Percussion. Der Rap ruhig vorgetragen, von gemeinsam einsetzenden Streichern untermalt. Und dann kommt das Licht am Ende des Tunnels, taube Seele und die Grenzziehung zwischen Himmel und Hölle. Grandioses Statement: “Auf dem Weg zum Himmel spielen sie einen Fahrstuhlsong, auf dem Weg zur Hölle spielen sie was von Alice Cooper.”

18. Heimlicher Abgang (feat. E-Rich) (0:52)

Dem Intro sehr ähnlich. Über einen sphärischen Klangteppich folgen Feststellungen wie “Tiefkühlkost speichert Vitamine über Jahre” oder “Gute Nachrichten gibt es nur im Fernseher” oder das gebetsmühlenartig wiederholte “Kaufen macht frei”. Und am Ende wieder dieses plätschernde Wasser. Ich fühle mich wieder an “Die Insel” erinnert. Ich glaube langsam, das ist Absicht.

Bonustrack: 333SDK – Satans Dicke Kinder (3:46)

Reime und Vergleiche wie man sie sonst nirgends findet. Treibende Rhythmik, klatschende Snare. Gefällige Melodie. Fällt weder positiv noch negativ auf. Ist halt ein Bonustrack der 333SDK und verhält sich zum Album auch so.

Fazit:
Ein wirklich schönes und gelungenes Album. Wirkt wie eine runde Sache. Der Hörer bekommt das, was ein Kenner von Pi erwartet: Storytelling, wie es in Deutschland kein zweites gibt. Voller Verschwörungstheorien und Metaphern, auf die vermutlich sonst keiner kommen würde. Also inhaltlich auf einem sehr hohen Niveau. Stilistisch und thematisch muss man es mögen. Wie gesagt, spätestens bei der Genozid-Spielshow wurde es mir ein bißchen zuviel. Es wirkt jedoch nicht alles so schwer und mystisch verschwörerisch wie es zunächst wirkt. Es mag so scheinen als ginge es nur um Geheimbünde, Anarchismus und ähnliches, jedoch ist vieles nur ein abstrahiertes Bild dessen, was eigentlich schon längst Wirklichkeit ist. Nur halt stark überzeichnet. Aber diese Provokation funktioniert, denn sie macht vieles deutlich, worauf eigentlich viele hinweisen, nur mit anderen Worten.

Nun aber zu einem Punkt, den ich eingangs angedeutet habe. Das Artwork ist atemberaubend. Hier hat sich Friedrich Kautz – so Prinz Pi mit bürgerlichem Namen – wirklich alle Mühe gemacht. In einer Videobotschaft kündigte er bereits an, dass das Artwork den Anspruch hat, sich bei den Leuten zu bedanken, die noch Platten kaufen. Und genau dieses Gefühl habe ich auch. Wenn jemand eine komplette 3D-Welt kreiert, mit spacigen Flugzeugen, einem futuristischen Flughafen und einer “Church of Air”, die einen Nike-Schuh als Emblem hat, dann weiß ich, hier macht sich jemand Mühe um mir einen echten Mehrwert anzubieten. Und genau darum sollte es bei physischen Tonträgern gehen. vielen Dank dafür.

Und auch hier gilt wieder: Ich habe mir die CD selber gekauft, und sie nicht zugeschickt bekommen zu Werbezwecken. Der Artikel spiegelt meine eigene Meinung wieder und ich bekomme nichts dafür, dass ich die CD hier gelobt habe.

(Foto: Aus dem Artwork von Teenage Mutant Horror Show 2 -zu finden auf Friedrich Kautz’ Facebook Profil)

Review: Jan Delay – Wir Kinder vom Bahnhof Soul

Artikel twittern! Tags: , ,

Wie vor ein paar Tagen mal abgekündigt wollte ich ja noch ein kleines Review zu Jan Delay’s noch relativ neuem Werk “Wir Kinder vom Bahnhof Soul” schreiben. Anders als der Verriss beim Stylespion neulich wollte ich mich dem Album mit etwas mehr Zeit widmen, statt es nach einmaligem Hören gleich zu bewerten. Entsprechend kommt das Review vielleicht auch nicht so frisch und brandaktuell. Doch lest selbst.

Jan Delay und Band (Quelle: Jan Delay's Facebook Profil)

1. Showgeschäft (4:43)
Das Album steigt ein mit einer sehr funkigen Nummer. bereits die Gitarre gleich zu Anfang geht direkt ins Rhythmuszentrum und selbst im Sitzen zucken die Beine. Inhaltlich ist das Lied ein sarkastischer Abriss rund um das Showbusiness und seine gescheiterten C-Promis. Wer es nicht mit Talent, Geduld und dickem Fell nach oben schaffe, ende eben bei 9Life oder auf Drogen. Außerdem wird kritisch angemerkt, dass heutzutage jeder in die Medien will, und all die Praktikanten in den Berliner Hipsteragenturen sich auf der “Milchkaffee-Rampe ins Nichts” befinden. Man kann das böse finden, aber leider hat der Mann nicht unrecht. Und die musikalische Untermalung lässt das Ganze nicht so böse wirken, wie es niedergeschrieben scheint.

2. Oh Jonny (3:41)
Noch so ein Funkmonster voll von sarkastischem Humor. Wer ab und zu mal Radio laufen hat, dem brauch man zu Oh Jonny wohl nicht mehr viel sagen. Geht ins Ohr und in die Beine. Groovt wie Sau. Und das Thema spricht mir einfach aus der Seele. Jan rechnet mit den ganzen “coolen Typen” ab, und listet auf, was die Kehrseite der Medaille ist, wenn man dauernd auf Gangster und auf hart macht. Das geht von Beschimpfung der Mutter bis hin zu im stehen Pinkeln. Der bittere sarkastische Humor, der dem Hanseaten schon zu Beginner-Zeiten typisch war, hat nichts an seiner Schärfe verloren.

3. Ein Leben lang (4:28)
Eine etwas ruhiger Nummer. Nicht so tanzbar und auf Vollgas, aber trotzdem sehr schön zu hören. Das Lied lässt sich als Liebeserklärung an Unbekannt verstehen. Jan zählt die vielen Tiefen im Leben auf, und erklärt aber, dass das alles nicht so schlimm sei, solange diese eine Person an seiner Seite sei. Nachdem auf Mercedes Dance – dem Vorgänger dieses Albums – schon “Für immer und dich” diese Schiene eingeschlagen hat, wird das Thema hier sehr schön weitergeführt.

4. Überdosis Fremdscham (4:25)
Ein Titel, der sehr schöne Bläsersets beinhaltet und auch die Backgroundvocals mal anders mit einbezieht. Ein sehr schöner musikalischer Teppich entsteht und bildet die Grundlage für ein Thema, dass man sofort nachvollziehen kann, sobald man einmal länger als 5 Minuten in eine Talkshow zappt. Es geht um das Thema Fremdscham, und Jan erklärt dem Doktor, ob es nicht ein Mittel dagegen gebe. Auch hier gilt aber, dass der Funk und Jan’s eigener Humor das Ganze weitaus weniger böse klingen lassen, als man zunächst erahnt. Und das trotz der Feststellung, dass es nichtmal hilft, wenn man in Sagrotan badet.

5. Abschussball (3:53)
Wer zunächst einen Tippfehler vermutet liegt leider falsch. Denn es geht nicht um die Kultur des Abschlussballs, sondern eher um die Mode des Komasuffs und sich abschießens. “Voller Mond, voller Club, volle Gläser, volle Menschen”. So wird ein Bild von deutscher Jugendfeierkultur gezeichnet, das zunächst abschreckend wirkt. Die Musik dazu klingt aber eher nach mitmachen. Der Refrain animiert zum Mitschreien, und Jan gibt einen kleinen Denkanstoß, wenn er sagt: “An dieser Stelle, ja da wollen wir uns verbeugen, vor den Leuten, die sich nie betäuben. Aber habt ihr schon mal drüber nachgedacht, dass ihr da vielleicht auch irgendwas verpasst?” Denn auch ein Jan Delay merkt irgendwann, dass nur meckern ja jeder kann. Musikalisch klingt das Gerät 100%ig nach Disko, fällt aber nicht so weit aus dem Klangbild, dass es auf dem Album im Gesamtkontext wie ein Fremdkörper wirkt. Auch der Spannungsbogen und die Entwicklung ist mal was anderes, zumindest für dieses Genre.

6. Hoffnung (5:03)
Eine weitere ruhigere Nummer. Vollgas gegeben wird hier gar nicht. Die Spannung steigt zum Refrain hin nur minimal, wenn die Gitarre ein weniger präsenter wird, und gegen Ende kommen auch die grandiosen Bläser nochmal zu einem kurzen Einsatz. Und dazu erzählt uns Jan, dass wenn alles nicht mehr geht und man den Kopf schon vollends hängen lässt irgendwoher gute Musik kommt und einem sagt, dass alles wieder gut wird. Kann man nicht beschreiben, muss man hören und fühlen. Musik als Hoffnungsspender halt.

7. B-Boys & Disko Girls (3:13)
Eine sehr schnelle tanzbare Nummer. Sehr funkiger Basslauf, großartige Bläser, nur kurze Gesangseinsätze und ansonsten 3:13 Minuten purer Funk zum Tanzen. Und der Part in der Mitte des Stücks mit der Gitarre und den Bongos bringt mich auch beim gefühlten 100. Durchhören zum Aufspringen und Mitmachen. Ganz großes Tennis.

8. Large (3:59)
Ein Beat zum Mitschnippen, famoses Zusammenspiel von Band, Gesang und Leadvocals und darüber ein Jan, der das macht, was ein gebürtiger HipHopper wohl am besten kann: Posen und Prahlen. So lässig muss man erstmal 4 Minuten lang erzählen können, wie groß man eigentlich ist. Pässe und Ausweise braucht er nicht, er hat ja sein bekanntes Gesicht. Schließlich füllt er die großen Hallen. Und wenn er seinen eigenen Namen googlet, kriegt er halt digitalen Honig um den Bart geschmiert. Dennoch kommt das Ganze immer humorvoll genug rüber, um zu merken, dass er sich selbst und diesen Text nicht zu ernst nimmt. Und schließlich gibt er auch zu, dass er immernoch Bahn fährt und dies auch immernoch schwarz. Und damit ist die Sympathie gerettet.

9. Kommando Bauchladen (4:21)
Geht unscheinbar los, doch sobald Schlagzeug, Orgel und Bläser einsetzen wirkt dies wie ein Tanzbefehl. In seinem üblichen bissigen Humor rechnet Jan hier mit den großen Ketten ab, seien es “Onkel H und Onkel M” oder “Don Aldi”, die Tante Emma umgebracht haben. Der Kritik, die großen Spieler des Handels sorgen für Einheitsbrei in deutschen Innenstädten folgt die eine oder andere Kampfansage. Und da ist er wieder, der Revoluzzer der eigentlich nie wirklich weg war, und genug gereimten Spott für sie alle über hat. Ganz groß ist auch wieder der schon fast traditionelle Telefonanruf, in dem Jan dieses Mal zu hören bekommt, dass er zwar gegen die großen Ketten schieße, aber doch selber immer mit seinen obligatorischen Nikes rumläuft.

10. Little Miss Anstrengend (4:43)
Die dritte – und letzte – ruhige Nummer im Bunde. Bleibt auch bis zum Ende eher zurückhaltend. Und oben drüber eine Geschichte über anstrengende Beziehungen. Wieso muss denn immer alles so anstrengend sein? Lässt sich nicht viel zu sagen. Für mich die Stelle, an der das Album seinen einzigen kleinen Hänger hat.

11. Rave Against the Machine (2:24)
Ein Song, der auch überwiegend instrumental funktioniert. Ein paar Einwürfe von Jan gibt es dennoch, und die haben es auch in sich. “Ihr wollt es fresh und ihr wollt es funky? Das mach ich doch mit links, so wie Ypsilanti”. Der kam unerwartet und trifft punktgenau. Ansonsten gibt es einen treibenden Beat, ein weiteres Zeugnis großer Kunst seitens der Bläser und gekonnte akzentuierte Gesangseinsätze. Bleibt nur noch festzuhalten: “Niemand ist funky wie wir!”

12. Disko (4:35)
Eine Ode an die Zappelbude. Treibt ohne Ende. Auf die Tanzfläche. Für die Phase, wo nichts läuft außer die Nase. Die Sängerinnen unterstützen Jan tatkräftig dabei, den Tanzpalast hochzuloben, die Band groovt sich einen Wolf. runde Sache, gelungener Absch(l)uss.

Fazit:
Ich habe das Album wirklich einem absoluten Härtetest unterzogen. Es lief auf dem Weg zum Sport um mich aus der Regungslosigkeit des Nachmittags zu lösen, es lief abends um die Feierlaune zu steigern und auch so als Hintergrundbeschallung an Nachmittagen mit gutem Wetter. Und es hat mir bisher immer gefallen. Das ganze Album ist in sich schön stimmig, hat einen nachvollziehbaren Spannungsbogen und besitzt eine gesunde Mischung aus etwas ruhigeren Nummern und solchen, die zwanghaft zum mitwippen, mittanzen oder einer anderen Bewegung der Wahl animieren. Einzige Schwäche ist für mich Little Miss Anstrengend, denn ich finde, Jan übernimmt sich mit dem Thema ein wenig, und die Musik reißt das nicht raus.
Klare Highlights sind aber der für Jan typische Humor in Stücken über Fremdscham, Konzernketten und das Showgeschäft, und eben auch die großartige Band, die in besonders in der Instrumentalnummer “B-Boys & Disko Girls” richtig glänzen kann, ohne vom “nasalen Platin aus der Hansestadt” überschattet zu werden.

Von meiner Seite eine absolute Kaufempfehlung, gerne auch als Limited Edition mit der DVD “Rave Against the Machine” und dem genialen Artwork. Ich habs mir übrigens gekauft und bekomme nichts dafür, es hier so zu loben. Außer Lust, es gleich wieder anzumachen.

(Foto: Jan Delay’s Facebook Seite)

Buchtipp: Deutschland Deluxe – Dis wo ich herkomm

Artikel twittern! Tags: , ,

Vor einigen Tagen hatte ich endlich einmal die Zeit gefunden, mich in Ruhe dem Lesen von bedrucktem Papier in Buchform zu widmen. Bereits seit einiger Zeit lag bei mir im Schrank das Buch “Dis wo ich herkomm – Deutschland Deluxe” von Samy Deluxe, und ich war gespannt, was Herr sorge so zu sagen hat. Immerhin hatte ich beim Probelesen des Bushidobuches ständig das Gefühl, ich könnte mir auch gleich ein Lustiges Taschenbuch kaufen und Comics lesen und wäre hinterher auf dem ähnlichen Stand.

Um es vorweg zu nehmen: Meine Befürchtungen waren nicht berechtigt. Das Buch liest sich interessant – ich habe es an nur 2 Tagen durchgelesen – und man hat auch nicht das Gefühl, dass es einem kettenbehangenen Egomanen um die schriftliche Selbstbeweihräucherung geht.

Das Buch ist eine sehr angenehme Mischung aus Biografie und Anekdoten – gern auch ein wenig selbstkritisch und selbstironisch. Man bekommt beim Lesen das Gefühl, dass man so oder so ähnlich auch diese Geschichten hören würde, wenn man Samy Deluxe mal auf einen Kaffee treffen und mit ihm über sein Leben sprechen würde. Es wird für einen HipHopper sehr überraschend nahezu vollkommen aufs Phrasendreschen verzichtet. Stattdessen geht es ganz entspannt durch verschiedene Abschnitte. Einige Kapitel wirken sehr reflektiert, beispielsweise wenn es um seine eigenen Definition von Erfolg oder den Umgang mit Canabis geht.

Alles in allem erhält man als Leser ein Stück weit einen guten Einblick in den Menschen Samy Sorge, in die Erlebnisse die ihn geprägt haben – von seinem Verhältnis zu seinem Vater, dem legendären Eimsbush Bassment bis hin zu seinem Sohn. Für Samy Deluxe Fans ist das buch so oder so ein absolutes Muss, aber ich kann es auch jedem ans Herz legen, der sich entweder für HipHop interessiert oder dafür, wie es ist, wenn man als Vertreter einer Jugendkultur plötzlich merkt, dass man erwachsen geworden ist und sich fragt, wie man nun damit umgehen soll. Ich habe mir diese Frage selbst schon öfter gestellt, und zumindest viele inspirierende Denkanstöße bekommen.

Fazit: Absolut lesenswert, da informativ, interessant und nicht so steif, wie man es von einem biografischen Buch befürchten würde.

© 2009 northcoaster. All Rights Reserved.

Dieser Blog läuft auf Wordpress, optisch aufgebohrt durch das Magatheme von Bryan Helmig. Das Design wurde leicht angepasst von NorthCoaster.