Nachdem ich in den letzten Tagen wieder einmal einen Großeinkauf beim CD-Händler meines Vertrauens getätigt habe, wollte ich mal wieder ein kleines Review verfassen. Denn ich habe wieder Platten erstanden, bei denen ich beim Hören wieder genau weiß, warum ich nach wie vor CDs kaufe – ja richtig gelesen, ich kaufe CDs. Und da die CD in diesem Artikel, das Album “Teenage Mutant Horror Show 2″ von Prinz Pi auch noch etwas anderes zu bieten hat als nur tolle Musik – später mehr dazu – muss ich es auch einfach vorstellen.
1. Behutsame Einführung (feat. E-Rich) (1:52)
Ich möchte fast schon sagen, ein Intro wie es nur auf einer Pi-Scheibe zu finden ist. Eine Aneinanderreihung von Aussagen wie “Magerwahn ist sexy”, “Sicherheit geht vor Freiheit” oder “Kaufen ist deine erste Bürgerpflicht” wird begleitet von einem sich steigernden Klangteppich. Es beginnt mit etwas plätscherndem Wasser, geht über zu fröhlichem Klaviergeplänkel, welches kurz darauf von einer etwas weniger fröhlichen Kirchenorgel ergänzt wird. Zum Schluss wandelt sich der Klangteppich in technische Klänge und die Aussagen werden immer dichter aneinander gereiht und überlagern sich teilweise, so dass es an eine Gehirnwäsche erinnert, wie man sie aus Filmen kennt. Ich wurde spontan an den Film “Die Insel” erinnert. Der konstante Aufbau an Spannung durch das gesamte Stück macht dem Namen des Stückes alle Ehre.
2. Meine Reise (3:29)
Der Song beginnt mit einer Zusammenfassung des Arbeitsalltags von Pi, mit Studiosessions mit Kollegen und dem ewigen Zyklus aus Studio und Konzerten. Die Geschichte wird weiter gesponnen über Platten und Equipment in seinem Besitz bis hin zu einem an Metaphern reichen Endpunkt. Die Musik ist ein schöner Klangteppich aus teil technisch anmutenden Klängen und Synthies, die jedoch alle dezent genug sind um das Storytelling im Vordergrund stehen zu lassen.
3. Illuminati (3:38)
Ein Beat, der zunächst sehr elektronisch daher kommt. Viele Synthiestreicher und ein gepitchter Sample, der sich konsequent durch das Stück zieht. Dazu pumpende Drums. Dazu eine in Reime gegossene Geschichte über die Geheimgesellschaft. Allerdings glücklicherweise sehr eigen und nicht wirklich auf die Illuminati bezogen, die man in Büchern beschrieben bekommt. Es geht um Rapper, die sich als pseudointellektuell geben und uniformierte einheitliche Hörerschaft.
4. Trümmer (3:15)
Also zunächst mal: Ein Stück das damit beginnt, dass wir angeblich auf einer mit Scheiße beschmierten Rutsche in Richtung Hölle unterwegs sind, wo uns ein wie Mario Barth aussehender Teufel mit einem XXL-Sparburger aus Menschenfleisch begrüßt ist schonmal ganz großes Tennis. Die Musik hat ein gefälliges Klavier zu bieten, warme Klänge aus dem Bereich Triangel und schöne Streicherteppiche die alles dezent untermalen. Dazu kommen Glaubensbekenntnisse, dass die Milchstraße Gottes Sperma sei, Endemol alle verdummt und das eine oder andere Weltuntergangsszenario. Außerdem die Ansage, dass Atlantis “die Stadt ist, die immer Untergrund bleibt”. Wie gesagt: Großes Tennis!
5. Höhlenmensch (4:41)
Eine leicht verträumte Musik, mit Klängen die sich irgendwo zwischen elektronisch und organisch einordnen lassen müssten. Dieses undefinierbare Klangbild passt denn aber auch sehr gut zur Musik. Der Text handelt von der Suche nach “einem Tier das sich selber vernichtet”. Eine sehr schöne Umschreibung der menschlichen Rasse und der Absurditäten, die uns so ausmachen. Erschreckend wie treffend die Beschreibung ist, aus dieser Perspektive ist manches ein wenig beängstigend. Brilliante Beobachtungen.
6. Minenfeld (3:26)
Sehr schöne Instrumentierung. Wie aus fremder Ferne tönende Klangteppiche aus dumpfen Orgeln – schätze ich zumindest mal – die in einen Traum einlullen, aus dem lediglich die Claps herausreißen. Und dazu wiedermal schönes Storytelling. Was kann man dazu noch groß sagen, außer, dass es wirklich klasse zu hören ist. Und das die Story nicht ganz so abgedreht ist wie Geschichten über Ufos und Verschwörungen. Dann gibt es Anekdoten über Enttäuschungen, und dass man trotzdem immer wieder aufsteht. In diesem Fall, mit geschnürten Dunks einfach voll ins Minenfeld rennend.
7. Engel (3:28)
Unheilverkündende Orgeln, als Percussionelement ein Ladegeräusch einer Pistole und eine Snare wie ein Schuss. Klingt so gar nicht nach Engel. Dann Aussagen wie “Nachts kommen die Satanisten, tags kommen die Messdiener, die einst die Hand von ihrem pädophilen Pater küssten”. Das ist düster und bitter. Und wenn dann die Engel verkünden, dass der Himmel voll sei ist wohl alles zuende. Apokalyptisches Storytelling auf höchstem Niveau.
8. Die große Genozid Show (feat. Basstard) (5:21)
Der Genozig verpackt als große Gameshow, eingeleitet von einem anheizenden Moderator zur allerbesten Sendezeit. Diese finstere Geschichte wird durch das gesamte Stück hinweg erzählt. Der Zuschauer wird zum Anrufen aufgefordert um zu wählen welcher Ort mit welcher Art Waffen vernichtet wird. Der Quizkandidat der richtig tippt wieviele Tote es bei diesem Anschlag gibt gewinnt die Runde. Das ist zwar makaber, aber nachdem schon Menschen beim Freitod dokumentarisch begleitet werden, und Reality-TV über fast sämtliche Abgründe der Menschheit berichtet kommt man schon ins Grübeln, wie groß der Schockfaktor wohl eines Tages noch wäre. Regt auf jeden fall zum Denken an. Die Musik ist so dezent, dass sie lediglich als minimaler Begleiter wahrgenommen wird. Ich tu mich ein wenig schwer damit, weil es mir eine Spur zu extrem ist, vor allem wenn Feature-Gast Basstard dann sehr detailliert wird.
9. Fehler (4:12)
Verträumte Klänge, die wie es aus einem Videospiel klingen. Dazu ein paar kristalline Töne und das Ganze sehr langsam vorgetragen. Vollendet wird das Stück durch feines Storytelling über Fehler. Regt ein wenig zum Nachdenken an, zumal auch hier die Geschichte wieder metaphernreich und wortgewaltig erzählt wird. Ich persönlich schwanke immer zwischen Staunen über die Wortwahl und grübeln über deren Inhalt. Schöner Song.
10. Du Hure 2009 Intro (Kissen) (3:13)
Eine verzerrte Stimme, die sich über die Tiefen einer scheiternden Beziehung auslässt. Die Liebe nimmt den Stolz. Begleitet von hämmernden Drums und einer Melodie, die vollkommen fremdartig wirkt und sich durch undefinierbare Instrumentierung vortragen lässt. Im Gesamtpaket wirkt das alles wie Fantasie aus einer fernen und absolut andersartigen (Alb-)Traumwelt.
11. Du Hure 2009 (3:59)
Die Fortsetzung eines umstrittenen, vielzitierten Stückes – seinerzeit ohne Jahreszahl dahergekommen, als gemeinsamer Song der legendären Beatfabrik. Klingt wesentlich weniger bösartig als das Original, steht diesem aber an Verzweiflung in nichts nach. Schöne Beschreibung der Gedankenwelt von jemandem, der vor den Bruchstücken seiner Beziehung steht. Kann vermutlich fast jeder nachvollziehen oder sogar nachfühlen. Auch musikalisch ist diese Neuauflage nicht so aggressiv wie sein Vorgänger, sondern kommt mit einer melancholischen Gitarre daher und auch das treibende, klatschende Drumset weicht einer gefälligen Percussion. Wäre da nicht die inhaltliche Schwere könnte man das Stück fast nebenher hören. Aber gerade dieser Kontrast macht einen gewissen Reiz aus.
12. Der Regenmacher (5:25)
Klasse Teppiche aus Orgeln und sphärischen Klängen, dezent ergänzt von elektronischen Klängen. Die rhythmische Begleitung wirkt auf eine peitschende Snare reduziert. Oben drauf kommt ein für Pi typisches Storytelling, das sehr fantasievoll daherkommt. erzeugt bei mir ein facettenreiches Kopfkino, und dafür liebe ich Songs dieser Art. Mehr muss man dazu nicht sagen.
13. Handeln (3:58)
Wieder ein Text mit einem alternativen Entwurf. Gephotoshoppte Models als Heilige. Irgendwas läuft verkehrt. Dann die Aufforderung Sprengstoff zu kaufen und die Welt so gesünder zu machen. “Hört auf zu suchen, werdet Finder.” Das klingt radikal. kommt aber gar nicht so harsch daher, wie es hier zunächst klingt. Dafür sorgt nicht zuletzt auch eine entspannte Rhythmik und die fast schon angenehm dudelige Gitarre. Könnte man also ganz entspannt hören, aber ich empfehle, lieber genau hinzuhören. Nicht, weil ich die Aufrufe unterstütze, sondern weil auch dieser Text wieder zum Nachdenken anregt über alles was falsch läuft und und worüber wir uns eigentlich auch beschweren, leider jedoch ohne irgendwas zu unternehmen.
14. Fabelhafte Welt der Anarchie (feat. Jonarama) (3:52)
Das Lied setzt ein und zunächst denkt man vermutlich “Oh, wie idyllisch”. Doch dann mischt sich zum spielerisch verträumten Klavier dieser leicht fiese Gitarrensound und kündigt an, dass das heile Bild trügt. die Musik greift also das Spiel auf, dass schon der Titel treibt. Wer sich zunächst an die fabelhafte Welt der Amelie erinnert fühl ist sicher nicht allein. Stattdessen wird ein Bild gezeichnet von einer Stadt voller Partydrogen und Bürgerkrieg. Als optisches Vorbild dient Berlin 1945. Und wieder dieses brillante Kopfkino. Schön zu hören und zu erleben.
15. 3 Minuten (3:45)
Mein erster Eindruck war, dass das Stück unheimlich hektisch daherkommt. Die getrieben tickernden HiHats tragen dazu sicher ebenso bei wie die schnell hüpfenden Begleitklänge, die wie ein dumpfer Streicher klingt. Der Rap wirkt deutlich energetischer als in den meisten anderen Stücken, auch ein wenig aggressiver. Eindringlich wird hier wieder düsteres Storytelling vorgetragen. Und vermutlich haben die 3 Minuten nicht gereicht, um alles unterzubringen, so dass es letztlich 3:45 wurden. Endet dann ein wenig abrupt mit Schüssen. Für mich persönlich ein erster kleiner Tiefpunkt, allerdings bei weitem nicht so deutlich wie man Tiefpunkte von vielen anderen Alben kennt.
16. Wir ficken die Welt (feat. Jamal) (3:55)
Die Instrumentierung kann ich überhaupt nicht zuordnen. Hat auf jeden Fall Streicher dabei und wirkt, als wäre zwischendurch mal ein Chor drin. Wirkt wie durch ein paar Effekte gejagt. Und gefällt irgendwie. Mir zumindest. Auf jeden Fall ein sehr gefälliges Hin und Her zwischen Pi und Jamal. Und dazu dann in vielen Facetten verpackt die Botschaft, das Berlin und seine Bewohner über allem stehen und man sich über die Welt lustig macht – um die Formulierung aus dem Liedtitel ein wenig zu entschärfen. Sehr angenehme Abwechslung zum Rest des Albums. Der Kopf wird ein bißchen weniger gefordert, dafür die Nackenmuskulatur.
17. Der Druck steigt (3:06)
Ein Klavier wie von weit weg. Führt direkt irgendwohin. Wohin, muss jeder für sich selbst ausmachen. Klingt jedenfalls verträumt und verlockend. Im Hintergrund eine ganz langsame Percussion. Der Rap ruhig vorgetragen, von gemeinsam einsetzenden Streichern untermalt. Und dann kommt das Licht am Ende des Tunnels, taube Seele und die Grenzziehung zwischen Himmel und Hölle. Grandioses Statement: “Auf dem Weg zum Himmel spielen sie einen Fahrstuhlsong, auf dem Weg zur Hölle spielen sie was von Alice Cooper.”
18. Heimlicher Abgang (feat. E-Rich) (0:52)
Dem Intro sehr ähnlich. Über einen sphärischen Klangteppich folgen Feststellungen wie “Tiefkühlkost speichert Vitamine über Jahre” oder “Gute Nachrichten gibt es nur im Fernseher” oder das gebetsmühlenartig wiederholte “Kaufen macht frei”. Und am Ende wieder dieses plätschernde Wasser. Ich fühle mich wieder an “Die Insel” erinnert. Ich glaube langsam, das ist Absicht.
Bonustrack: 333SDK – Satans Dicke Kinder (3:46)
Reime und Vergleiche wie man sie sonst nirgends findet. Treibende Rhythmik, klatschende Snare. Gefällige Melodie. Fällt weder positiv noch negativ auf. Ist halt ein Bonustrack der 333SDK und verhält sich zum Album auch so.
Fazit:
Ein wirklich schönes und gelungenes Album. Wirkt wie eine runde Sache. Der Hörer bekommt das, was ein Kenner von Pi erwartet: Storytelling, wie es in Deutschland kein zweites gibt. Voller Verschwörungstheorien und Metaphern, auf die vermutlich sonst keiner kommen würde. Also inhaltlich auf einem sehr hohen Niveau. Stilistisch und thematisch muss man es mögen. Wie gesagt, spätestens bei der Genozid-Spielshow wurde es mir ein bißchen zuviel. Es wirkt jedoch nicht alles so schwer und mystisch verschwörerisch wie es zunächst wirkt. Es mag so scheinen als ginge es nur um Geheimbünde, Anarchismus und ähnliches, jedoch ist vieles nur ein abstrahiertes Bild dessen, was eigentlich schon längst Wirklichkeit ist. Nur halt stark überzeichnet. Aber diese Provokation funktioniert, denn sie macht vieles deutlich, worauf eigentlich viele hinweisen, nur mit anderen Worten.
Nun aber zu einem Punkt, den ich eingangs angedeutet habe. Das Artwork ist atemberaubend. Hier hat sich Friedrich Kautz – so Prinz Pi mit bürgerlichem Namen – wirklich alle Mühe gemacht. In einer Videobotschaft kündigte er bereits an, dass das Artwork den Anspruch hat, sich bei den Leuten zu bedanken, die noch Platten kaufen. Und genau dieses Gefühl habe ich auch. Wenn jemand eine komplette 3D-Welt kreiert, mit spacigen Flugzeugen, einem futuristischen Flughafen und einer “Church of Air”, die einen Nike-Schuh als Emblem hat, dann weiß ich, hier macht sich jemand Mühe um mir einen echten Mehrwert anzubieten. Und genau darum sollte es bei physischen Tonträgern gehen. vielen Dank dafür.
Und auch hier gilt wieder: Ich habe mir die CD selber gekauft, und sie nicht zugeschickt bekommen zu Werbezwecken. Der Artikel spiegelt meine eigene Meinung wieder und ich bekomme nichts dafür, dass ich die CD hier gelobt habe.
(Foto: Aus dem Artwork von Teenage Mutant Horror Show 2 -zu finden auf Friedrich Kautz’ Facebook Profil)
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