Ich freue mich immer, wenn ich Musik zu hören bekomme, von Leuten, die ich noch gar nicht kannte oder von denen ich noch nichts gehört habe. Besonders schön ist es, wenn diese Musik mir dann auch noch gut gefällt. So geschehen beim folgenden Album von Tim Taylor. Tim schrieb mich am Montag an und schickte mir diverse Links zu Videos, einem Interview sowie Pressematerial. Nun interessiert mich Pressematerial immer nicht so wahnsinnig, denn nach 4 Jahren als Abonnent eines HipHop-Magazins habe ich das Gefühl, dass die Selbstbeschreibungen der normalen deutschen Rap-Platte immer gleich aussieht: “Ich und meine Jungs wir bringen den echten Scheiß. Wir wollen HipHop retten. Wir sind anders als alle anderen. Uns geht es um die Musik und nicht ums Geld.” Ich hoffe tim möge mir verzeihen, wenn ich entsprechend zwar die Videos geschaut habe, in das Pressezeug aber nicht reingelesen habe, sondern lieber das Album für sich habe sprechen lassen.
1. Freundliche Begrüßung (2:01)
Hämmert ganz schön gut los. Sanfte Töne klingen anders. Der Beat geht enorm gut nach vorne. Inhaltlicher ein fast typischer Intro-Track. Ein kleiner Rundumschlag und eine Portion Selbstinszenierung. Jedoch blitzen immer mal wieder einzelne Formulierungen durch, die deutlich machen, dass es im folgenden etwas ernster zur Sache gehen wird. Musikalisch wie textlich also ein vielversprechender Vorgeschmack auf das, was da noch kommen mag.
2. Ausgangspunkt (3:43)
Klingt düster. Lediglich eine hohe, dennoch dezent wirkende Flöte oder etwas ähnliches gibt etwas hellen Glanz. Ansonsten scheint lediglich geballte Textkraft. Schon die Einleitung im Nachrichtenstil verkündet, dass es nun dunkler wird. Es folgt ein “Sonderbericht angesichts der ernsten Lage, in der sich der scheiß Planet befindet”. Keiner sei bereit zu teilen, aber jeder wolle Aufmerksamkeit. Es werden dicke Mauern gebaut um alles was lebt. Dennoch klingt der Rap alles andere als resigniert, sondern kraftvoll und energiegeladen und weckt eher den Eindruck, dass da jemand den Kampf gegen diese Missstände gerade erst aufnehmen will. Und weil diese in aller Ausführlichkeit angeprangert werden, bleibt auch kein Platz für Schmuckwerk wie Refrain oder ähnliches. Funktioniert trotzdem astrein.
3. Mein Wort (3:24)
Technoid klingende Synthies über Donnergrollen. Was für eine Einleitung. Tim Taylor gibt uns sein Wort. Der Beat treibt wie Hölle, dank unermüdlich tickender HiHats und gekonnt gesetzter Percussionelemente. Wieder pure Energie. Ich bin gespannt, ob er das über das gesamte Album so durchzieht. Dann würde ich das Ganze zu gerne mal live erleben. Textlich wird wieder einiges angeklagt. Die Wände voller Wahlplakate, aber Graffiti ist verboten? Diese Stimme erklingt für alle, deren Tränen geflossen sind. Und sie spricht mit Nachdruck. Schöner Song.
4. Pirat (4:17)
Die Streicher kommen wie eine düstere Vorwarnung daher. Zum Titel passend einige Wortspiele rund ums Thema Seeräuber. Und gespickt mit einigen bemerkenswerten Aussagen. “Ich bin arm und doch gesegnet.” Ich hätte nie gedacht, so etwas mal in einem HipHop Song zu hören. Es sind diese Momente, die das Album irgendwie besonders erscheinen lassen und trotz des düsteren Klangs sympatisch machen. Endlich jemand ,der mir nicht von seiner neuen Kette erzählt. Und wenn dann einer sagt, er saufe den billigsten Fusel, und hätte schon seiner Mama gesagt, er werde Pirat, dann hat das einfach Charme. Finde ich zumindest. Denn es gibt so manche ehrliche und durchdachte Zeile in diesem Stück.
5. Zerbrochene Spiegelscheiben (3:58)
Eine bedeutungsschwere gesprochene Einleitung über Schreie und Streicher mit Piano. Dann episch anmutende Hörner. Das wirkt schonmal gewaltig. Und wieder diese kompromisslos energetische Stimme. Das wirkt auf mich irgendwie schon ziemlich fesselnd. Passend dazu eine Ode an die eigene Kraft. Tim schafft es, sobald ein Lichtblick durch die Dunkelheit kommt und kämpft unentwegt gegen seine Ängste. Fortwährend spielt er mit Aktionen wie Fliegen, Rennen und ähnlichem, nur um in deutlichen Bildern die eigene Kraft zu visualisieren. Gefällt.
6. Renaissance (2:18)
Klasse Beat. Ich habe ohnehin ein Faible für Streicher, und diese sind sehr schön in Szene gesetzt. Textlich und inhaltlich eine Art Retrospektive. Ein Abwandern der Kindheit und Jugend. Die Entwicklung Revue passieren lassen und Fehler einsehen. Da verzeihe ich auch das am Ende schon fast obligatorische “Wir bringen HipHop nach vorn”. Ausnahmsweise!
7. Das Lied eines Sommers (2:14)
“Das Fernweh ist mein Bruder und er hockt über den Wolken”? Das nenn ich mal eine klasse Bildsprache. Und wieder begleitet von Streichern. Mein Liebesbekenntnis dazu habe ich ja schonmal geäußert. Auch sonst ist der Beat gelungen. Ab und zu tickern die HiHats mal treibend, um den nächsten Abschnitt einzuleiten, und die Drums sind auch sonst schön on point. Alles in allem eine bildgewaltige Ode an DEN einen Sommer. Und jeder, der schon einmal so einen ganz besonderen Sommer erlebt hat kann bestimmt nachfühlen, was dort gemeint ist.
8. Feuer (2:35)
Ein munter vor sich hin klackerndes Schlagzeug und darüber fast schön mystisch klingende Flötenklänge. Dann im Chorus ergänzt durch Chöre. Und dann besingt Tim die Sonne. Ihre Schönheit und das Wunder, dass sie uns jeden Tag ihr Licht schenkt. Hab ich in so einer form auch noch nie gehört. Aber ich muss zugeben, ich habe es nicht gleich beim ersten Durchhören verstanden. Aber gerade sowas macht für mich den Reiz solcher Lieder aus.
9. Der Dämon und Fräulein Graf (2:21)
Der Beat wirkt eingangs direkt gemütlich. Melodische Holzbläser spenden eine gewisse Wärme. Tim erzählt von der Tristesse des Alltags einer Frau, deren Leben so geregelt zu sein scheint, dass sie ohne Uhr pünktlich sein kann. Betäubt mit TV und Kreuzworträtseln in einer Welt voll netter Nachbarn ahnt keiner, dass sie am Ende doch noch den Absprung schafft und aus der vermeintlichen Idylle ausbricht.
10. Das Wesen der Vergänglichkeit (3:40)
Sehr ruhiger Beat mit einer dezenten Gitarre. Der Rap wirkt fast befremdlich, wenn Tim ihn in seiner üblichen energetisch nach vorn gebrachten Art vorträgt. Aber das zeichnet ihn aus und macht seine Lieder eigenständig. Und dann wirkt es, als würde die Vergänglichkeit Tim einen Brief schreiben. Hört sich an wie harter Tobak, klingt aber gar nicht unbedingt so trist wie man erwarten würde.
11. Bis ans Ende dieser Welt (feat. Aodhan) (4:42)
Wieder eine Einleitung mit Donnergrollen. Dann treibende synthetische Klänge. Leider musste sich der Produzent oder DJ auch noch verewigen. Wirkt im Gesamtkontext ein wenig deplatziert. Schade eigentlich. Auch sonst ist der Song für mich definitiv kein Glanzlicht des Albums. Der Rap wirkt ständig ein wenig unpräzise und nicht so recht on point. Das nimmt ihm leider viel von seiner Wirkung und auch die Energie der anderen Stücke kann sich nicht so recht entfalten. Ich werte es mal als Halbzeitpause und hoffe auf die zweite Hälfte.
12. Goldene Tore (feat. Aodhan und Jintanino) (4:48)
Ich weiß nicht, was sie dort mit dem Klavier angestellt haben, aber es klingt wie ein altes Schifferklavier. Und dann setzt plötzlich ein hochgepitchtes Sample ein. Das ist die mit Abstand absurdeste Kombination, mit der ich jetzt gerechnet hätte. Und gerade deshalb finde ich Gefallen dran. Während ich an den Parts der Gäste nicht so recht Gefallen finden mag weiß Tim mich dieses Mal wieder zu überzeugen. Der Kelch des Leids ist nicht für alle gleich. Und vielleicht weiß auch deshalb nicht jeder gleich stilsicher darüber zu berichten.
13. Böses Erwachen (2:32)
Kein Intro, keine Einleitung. Ganz dezente instrumentale Begleitung. Präsent einzig das Schlagzeug und natürlich der Rap. Und letzterer hält was der Titel verspricht. eine bizarre Mischung aus verkatert aufwachen gepaart mit dem unguten Gefühl, in der Nacht einen Fehler begangen zu haben. Stück für Stück wird rekapituliert, was am Abend zuvor vorgefallen sein muss. Interessantes Storytelling. Die Auflösung der Geschichte werde ich hier aber nicht vorwegnehmen, denn sie war irgendwie unerwartet. Hier gibts die Videopremiere bei Mixery Raw Deluxe.
14. Soweitsogut (3:19)
Aggressiver Beat. Die Synthies klingen düster und auch die Flöte vermag nicht so recht entgegenzusteuern. Spätestens wenn die E-Gitarre einsetzt, ist sie chancenlos. Und wenn Tim dann wieder voller Kraft seinen Rap vorträgt, dann entsteht eine explosive Mischung. Inhaltlich fällt es mir jedoch schwer, den Track einzuordnen. Aber die klangliche Qualität überzeugt und so kann man auch gerne einfach mal Reime spucken. Kann man sich jedenfalls gut anhören.
15. Olla Timmy yeah yoar (2:54)
Mal was ganz anderes. Ein deutlich präsenter Bass, eher humorvoll anmutende Scratches zur Einleitung. Die Snare knallt ganz schön. Der Refrain wirkt wie musikalisches Chaos aus sich überlagerndem Gerufe. Wirkt eher wie ein Representer-Track. Hat man an sich schon viel zu oft gehört. Dieser hier schießt weder nach oben noch nach unten aus der Masse heraus. Kann man hören, ehrlich gesagt, muss man das aber nicht. Wobei es durchaus auch ganz angenehm ist, wenn die Schwere der ersten Stücke ein wenig aufgelockert wird.
16. On the Streets (3:44)
Ganz merkwürdiges Sample. Kommt jetzt der 80′s-Flashback? Geht jedenfalls gut ab. Treibt an, und Tim hält mit seinem Rap locker mit. Lediglich der zwischen Strophe und Chorus wechselnde Pitch irritiert ein wenig. Es wird wieder fleißig repräsentiert und Reime gespuckt. Das klingt auch ganz gut, weil Tim enorm druckvoll nach vorne geht. Hier geht Gepose und Musik auch deutlich passender einher als beim Vorgänger, und so macht das Spaß. Spricht halt weniger den Kopf an, sondern das, was darunter ist: den Nacken.
17. Es st wie es ist (3:49)
Streicher die klingen, wie aus dem Fernseher aus einem alten Western herausgesamplet. Dazu ein enorm langsames Drumpattern. So entsteht eine ganz eigene Klangästhetik, die unheimlich interessant wirkt. “Es” wird in vielen Facetten beschrieben. Das lässt Raum für viele Vergleiche und Wortspiele, ja sogar ein klein wenig Namedropping. Und plötzlich fühlen sich Kopf und Nacken gleichermaßen angesprochen, und ich frage mich, ob ich zum Beat nicke, oder dem Text zustimme. Vermutlich beides. Das macht für mich einen guten Song aus.
18. Der Mensch und die Anderen (4:44)
Der Titeltrack des Albums. Schöne Streicher und eher ruhige Drums, die weit genug im Hintergrund bleiben, um dem Hörer zu gestatten, sich voll auf den Inhalt zu konzentrieren. Entsprechend wird auch gleich eingangs erwähnt, dass Tim hofft, es gäbe noch Leute, die richtig hinhören. Also will ich ihm diesen Gefallen tun. Entgegen der Tendenz aus den leichteren Songs schlägt Tim auch gleich bescheidenere Töne an. Er sei nur einer von vielen. Damit sind angezweifelte Sympathiepunkte auch prompt wieder da. “Wenige Worte reichen aus, um jemand Kraft zu spenden.” Und daher scheint Tim seine eigenen mit bedacht zu wählen. Ein Track, der seines Titels würdig ist.
19. Der weite Weg zurück (3:19)
Ein fast melancholisches Piano, leise vor sich hin tickernde HiHats. Dann einleitende dankende Worte an treue Wegbegleiter. Und plötzlich merke ich erste Gänsehaut aufkommen. Nicht die erste bei diesem Album, aber die deutlichste. Wieder retrospektive Geschichten über Geschichten mit Freunden, doch hauptsächlich über die eigene Entwicklung. Wer einen weiten Weg gekommen ist muss auch einen weiten Weg zurück gehen, um Dinge zu besuchen, die man hinter sich gelassen hat. Das bietet schöne Denkanstöße, stimmig vorgetragen von Tim, der hier zwar nicht ganz so nach vorne geht wie auf anderen Stücken, aber dennoch Präsenz ausstrahlt.
20. Mein Wort (Just a 5 Minute Beat Remix) (3:23)
Das Album wird also abgeschlossen von zwei Remixes von bereits auf dem Album befindlichen Songs. In diesem Fall “Mein Wort”. Klingt gar nicht schlecht. Aber reicht nicht wirklich an das Original heran.
21. Der Mensch und die Anderen (Nodhead Remix) (4:45)
Der zweite Remix und der Abschluss des Albums. Die Streicher klingen ein wenig platt und zu sehr im Vordergrund. Auch mit dem Piano kann ich nicht so wirklich warm werden. Aber nun gut. Ein nettes Gimmick, nochmal zwei Remixes hinzuzufügen. Bei ansonsten 19 Stücken kann auch wirklich keiner meckern.
Fazit:
Ein wirklich gutes Album, das Tim Taylor da abliefert. Viele Stücke strotzen nur so vor durchdachten Metaphern und man merkt an, dass sich jemand da wirklich viele Gedanken gemacht hat. Tims markante Stimme schafft es sehr gut, diese eindringlich vorzutragen, und kommt, bis auf eine Ausnahme – sehr gut auf den Punkt. Musikalisch kann man auch nicht meckern. Meinen Geschmack hat er gut getroffen, und die Stücke funktionieren allesamt gut. Auch die leichteren Nummern haben einen entsprechenden Beat und schaffen so einen runden Eindruck. Lediglich die Leistung der Feature-Gäste lässt für meinen Geschmack ein wenig zu wünschen übrig. Aber darüber kann man bei der übrigen Qualität des Albums gerne einmal hinwegsehen.
Wer sich näher informieren möchte, der kann gerne Tims MySpace besuchen, oder sich dieses Interview bei Mixery Raw Deluxe anschauen















