Review: Jan Delay – Wir Kinder vom Bahnhof Soul

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Wie vor ein paar Tagen mal abgekündigt wollte ich ja noch ein kleines Review zu Jan Delay’s noch relativ neuem Werk “Wir Kinder vom Bahnhof Soul” schreiben. Anders als der Verriss beim Stylespion neulich wollte ich mich dem Album mit etwas mehr Zeit widmen, statt es nach einmaligem Hören gleich zu bewerten. Entsprechend kommt das Review vielleicht auch nicht so frisch und brandaktuell. Doch lest selbst.

Jan Delay und Band (Quelle: Jan Delay's Facebook Profil)

1. Showgeschäft (4:43)
Das Album steigt ein mit einer sehr funkigen Nummer. bereits die Gitarre gleich zu Anfang geht direkt ins Rhythmuszentrum und selbst im Sitzen zucken die Beine. Inhaltlich ist das Lied ein sarkastischer Abriss rund um das Showbusiness und seine gescheiterten C-Promis. Wer es nicht mit Talent, Geduld und dickem Fell nach oben schaffe, ende eben bei 9Life oder auf Drogen. Außerdem wird kritisch angemerkt, dass heutzutage jeder in die Medien will, und all die Praktikanten in den Berliner Hipsteragenturen sich auf der “Milchkaffee-Rampe ins Nichts” befinden. Man kann das böse finden, aber leider hat der Mann nicht unrecht. Und die musikalische Untermalung lässt das Ganze nicht so böse wirken, wie es niedergeschrieben scheint.

2. Oh Jonny (3:41)
Noch so ein Funkmonster voll von sarkastischem Humor. Wer ab und zu mal Radio laufen hat, dem brauch man zu Oh Jonny wohl nicht mehr viel sagen. Geht ins Ohr und in die Beine. Groovt wie Sau. Und das Thema spricht mir einfach aus der Seele. Jan rechnet mit den ganzen “coolen Typen” ab, und listet auf, was die Kehrseite der Medaille ist, wenn man dauernd auf Gangster und auf hart macht. Das geht von Beschimpfung der Mutter bis hin zu im stehen Pinkeln. Der bittere sarkastische Humor, der dem Hanseaten schon zu Beginner-Zeiten typisch war, hat nichts an seiner Schärfe verloren.

3. Ein Leben lang (4:28)
Eine etwas ruhiger Nummer. Nicht so tanzbar und auf Vollgas, aber trotzdem sehr schön zu hören. Das Lied lässt sich als Liebeserklärung an Unbekannt verstehen. Jan zählt die vielen Tiefen im Leben auf, und erklärt aber, dass das alles nicht so schlimm sei, solange diese eine Person an seiner Seite sei. Nachdem auf Mercedes Dance – dem Vorgänger dieses Albums – schon “Für immer und dich” diese Schiene eingeschlagen hat, wird das Thema hier sehr schön weitergeführt.

4. Überdosis Fremdscham (4:25)
Ein Titel, der sehr schöne Bläsersets beinhaltet und auch die Backgroundvocals mal anders mit einbezieht. Ein sehr schöner musikalischer Teppich entsteht und bildet die Grundlage für ein Thema, dass man sofort nachvollziehen kann, sobald man einmal länger als 5 Minuten in eine Talkshow zappt. Es geht um das Thema Fremdscham, und Jan erklärt dem Doktor, ob es nicht ein Mittel dagegen gebe. Auch hier gilt aber, dass der Funk und Jan’s eigener Humor das Ganze weitaus weniger böse klingen lassen, als man zunächst erahnt. Und das trotz der Feststellung, dass es nichtmal hilft, wenn man in Sagrotan badet.

5. Abschussball (3:53)
Wer zunächst einen Tippfehler vermutet liegt leider falsch. Denn es geht nicht um die Kultur des Abschlussballs, sondern eher um die Mode des Komasuffs und sich abschießens. “Voller Mond, voller Club, volle Gläser, volle Menschen”. So wird ein Bild von deutscher Jugendfeierkultur gezeichnet, das zunächst abschreckend wirkt. Die Musik dazu klingt aber eher nach mitmachen. Der Refrain animiert zum Mitschreien, und Jan gibt einen kleinen Denkanstoß, wenn er sagt: “An dieser Stelle, ja da wollen wir uns verbeugen, vor den Leuten, die sich nie betäuben. Aber habt ihr schon mal drüber nachgedacht, dass ihr da vielleicht auch irgendwas verpasst?” Denn auch ein Jan Delay merkt irgendwann, dass nur meckern ja jeder kann. Musikalisch klingt das Gerät 100%ig nach Disko, fällt aber nicht so weit aus dem Klangbild, dass es auf dem Album im Gesamtkontext wie ein Fremdkörper wirkt. Auch der Spannungsbogen und die Entwicklung ist mal was anderes, zumindest für dieses Genre.

6. Hoffnung (5:03)
Eine weitere ruhigere Nummer. Vollgas gegeben wird hier gar nicht. Die Spannung steigt zum Refrain hin nur minimal, wenn die Gitarre ein weniger präsenter wird, und gegen Ende kommen auch die grandiosen Bläser nochmal zu einem kurzen Einsatz. Und dazu erzählt uns Jan, dass wenn alles nicht mehr geht und man den Kopf schon vollends hängen lässt irgendwoher gute Musik kommt und einem sagt, dass alles wieder gut wird. Kann man nicht beschreiben, muss man hören und fühlen. Musik als Hoffnungsspender halt.

7. B-Boys & Disko Girls (3:13)
Eine sehr schnelle tanzbare Nummer. Sehr funkiger Basslauf, großartige Bläser, nur kurze Gesangseinsätze und ansonsten 3:13 Minuten purer Funk zum Tanzen. Und der Part in der Mitte des Stücks mit der Gitarre und den Bongos bringt mich auch beim gefühlten 100. Durchhören zum Aufspringen und Mitmachen. Ganz großes Tennis.

8. Large (3:59)
Ein Beat zum Mitschnippen, famoses Zusammenspiel von Band, Gesang und Leadvocals und darüber ein Jan, der das macht, was ein gebürtiger HipHopper wohl am besten kann: Posen und Prahlen. So lässig muss man erstmal 4 Minuten lang erzählen können, wie groß man eigentlich ist. Pässe und Ausweise braucht er nicht, er hat ja sein bekanntes Gesicht. Schließlich füllt er die großen Hallen. Und wenn er seinen eigenen Namen googlet, kriegt er halt digitalen Honig um den Bart geschmiert. Dennoch kommt das Ganze immer humorvoll genug rüber, um zu merken, dass er sich selbst und diesen Text nicht zu ernst nimmt. Und schließlich gibt er auch zu, dass er immernoch Bahn fährt und dies auch immernoch schwarz. Und damit ist die Sympathie gerettet.

9. Kommando Bauchladen (4:21)
Geht unscheinbar los, doch sobald Schlagzeug, Orgel und Bläser einsetzen wirkt dies wie ein Tanzbefehl. In seinem üblichen bissigen Humor rechnet Jan hier mit den großen Ketten ab, seien es “Onkel H und Onkel M” oder “Don Aldi”, die Tante Emma umgebracht haben. Der Kritik, die großen Spieler des Handels sorgen für Einheitsbrei in deutschen Innenstädten folgt die eine oder andere Kampfansage. Und da ist er wieder, der Revoluzzer der eigentlich nie wirklich weg war, und genug gereimten Spott für sie alle über hat. Ganz groß ist auch wieder der schon fast traditionelle Telefonanruf, in dem Jan dieses Mal zu hören bekommt, dass er zwar gegen die großen Ketten schieße, aber doch selber immer mit seinen obligatorischen Nikes rumläuft.

10. Little Miss Anstrengend (4:43)
Die dritte – und letzte – ruhige Nummer im Bunde. Bleibt auch bis zum Ende eher zurückhaltend. Und oben drüber eine Geschichte über anstrengende Beziehungen. Wieso muss denn immer alles so anstrengend sein? Lässt sich nicht viel zu sagen. Für mich die Stelle, an der das Album seinen einzigen kleinen Hänger hat.

11. Rave Against the Machine (2:24)
Ein Song, der auch überwiegend instrumental funktioniert. Ein paar Einwürfe von Jan gibt es dennoch, und die haben es auch in sich. “Ihr wollt es fresh und ihr wollt es funky? Das mach ich doch mit links, so wie Ypsilanti”. Der kam unerwartet und trifft punktgenau. Ansonsten gibt es einen treibenden Beat, ein weiteres Zeugnis großer Kunst seitens der Bläser und gekonnte akzentuierte Gesangseinsätze. Bleibt nur noch festzuhalten: “Niemand ist funky wie wir!”

12. Disko (4:35)
Eine Ode an die Zappelbude. Treibt ohne Ende. Auf die Tanzfläche. Für die Phase, wo nichts läuft außer die Nase. Die Sängerinnen unterstützen Jan tatkräftig dabei, den Tanzpalast hochzuloben, die Band groovt sich einen Wolf. runde Sache, gelungener Absch(l)uss.

Fazit:
Ich habe das Album wirklich einem absoluten Härtetest unterzogen. Es lief auf dem Weg zum Sport um mich aus der Regungslosigkeit des Nachmittags zu lösen, es lief abends um die Feierlaune zu steigern und auch so als Hintergrundbeschallung an Nachmittagen mit gutem Wetter. Und es hat mir bisher immer gefallen. Das ganze Album ist in sich schön stimmig, hat einen nachvollziehbaren Spannungsbogen und besitzt eine gesunde Mischung aus etwas ruhigeren Nummern und solchen, die zwanghaft zum mitwippen, mittanzen oder einer anderen Bewegung der Wahl animieren. Einzige Schwäche ist für mich Little Miss Anstrengend, denn ich finde, Jan übernimmt sich mit dem Thema ein wenig, und die Musik reißt das nicht raus.
Klare Highlights sind aber der für Jan typische Humor in Stücken über Fremdscham, Konzernketten und das Showgeschäft, und eben auch die großartige Band, die in besonders in der Instrumentalnummer “B-Boys & Disko Girls” richtig glänzen kann, ohne vom “nasalen Platin aus der Hansestadt” überschattet zu werden.

Von meiner Seite eine absolute Kaufempfehlung, gerne auch als Limited Edition mit der DVD “Rave Against the Machine” und dem genialen Artwork. Ich habs mir übrigens gekauft und bekomme nichts dafür, es hier so zu loben. Außer Lust, es gleich wieder anzumachen.

(Foto: Jan Delay’s Facebook Seite)

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